Argentinien und Buenos Aires (wirtschaftliche und politische Entwicklung)

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auf beiden Seiten muss man recht weit runterscrollen um die Tabellen zu sehen!

 
Argentinien (wirtschaftlich/politisch)
 


Kirchner -Argentinien heute -wo steht das Volk und seine Regierung jetzt (Dez 03/Jan 04)
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Jetzt im Nov/Dez in Buenos Aires empfand ich zwei tagespolitsche Dauerbrenner als hervorstechend: das gerade aktuelle Thema um Entführungen in Argentinien, die wohl besonders oft in der Provinz Buenos Aires (rund um die Hauptstadt) vorgekommen sind - und die Diskussion um eventuelle Verbindungen von organisierter Kriminalität mit dem Polizei-Apparat insbesondere der Provinz Buenos Aires.

Im Laufe des Aufenthaltes bekam ich mit, dass inzwischen auch bezüglich der Kriminalität niemand so nervös ist, wie noch vor einem Jahr: Kein Taxi-fahrer, der auch in den besseren Vierteln darauf schauen würde, dass die Sicherungsknöpfchen in den Türen runtergedrückt sind - souveräneres Umgehen mit Geldscheinen, die nur noch routinemäßig auf Fälschungen geprüft werden usw.

Aber vor allem: keiner mehr, der davon spricht, dass das Land jetzt ganz vor die Hunde gehen wird und nur noch die Militärs helfen könnten - Niemand nimmt das Mititär überhaupt noch als Regierungsoption war und dieser Wechsel ist innerhalb nur wenigen Monaten durch Kirchner passiert!

Als eine gute aber auch kritische Bestandsschau der Leistungen der Regierung Kirchner kann ich den Artikel aus der ila (Informationsstelle Lateinamerika in Bonn) über Argentinien in der letzten Ausgabe von Carlos Flaskamp empfehlen:

http://www.ila-bonn.de/artikel/271argentinien.htm

Interessant ist schon die Einleitung, in der die Achtung gerade der kritischen Öffentlichkeit der argentinischen Gesellschaft vor Kirchners Mut thematisiert wird. Denn auch wenn über das längerfristige wirtschaftliche Schicksal Argentiniens noch nichts bekannt ist: politisch hat Kirchner gewaltige Leistungen vollbracht:

1) seine erst Tat war die Eleminierung der Machtbasis der Militärs, deren ideologisch wichtigste Vertreter als eine der ersten Amtshandlungen alle zwangspensioniert wurden.
2) Als nächstes wurde die korrupte Machtstruktur in der Sozialversicherung reformiert,
3) und schließlich konnte Kirchner auch demokratischere Wahlverfahren für den obersten Gerichtshof durchsetzen (einer der Institutionen, gegen den sich der Volkszorn gerichtet hatte, als die Massen vor 2 Jahren mit dem Spruch "dass sie doch alle abhauen sollen/que se vayan todos" durch die Strassen zogen).
Der oberste Gerichtshof wird auch in dem weiteren Prozeß eine Rolle spielen mit dem die Regierung Kirchner die Amnestiegesetze bezüglich der Verbrechen während der Militärdiktatur zu kippen versucht.
4) Die aktuellen Schlagzeilen über die Kriminalität im Großraum Buenos Aires sind zum Teil auch als Reflex der jüngsten Aktivitäten der Regierung zu sehen: Derzeit richten sich die Anstrengung von Kirchners Mannschaft darauf, korrupte politische Seilschaften in den höheren Chargen des Polizeiapparats auszuschalten. Weil die Polizei insbesondere in der Provinz Buenos Aires (rund um die Hauptstadt) für Ihre Übergriffe und Korruption berühmt ist, ist dieses Vorgehen bei den Bürgern durchaus populär - allerdings haben die betroffenen Amtsträger oft hervorragende Kontakte zu den Parteirichtungen die Kirchner an die Macht gebracht haben und ohne deren Unterstützung er möglicherweise auch in Zukunft nicht auskommt.

Alles in allem eine große Reihe positiver Signale auf innenpolitischem Feld. Und auch in der Außenpolitik kann man eine klare Position erkennen, die insbesonder gegenüber der USA keinerlei Anbiederung erkennen läßt ohne dass es zu unnötigen Anti-haltungen kommt.

Zusammenfassend kann man das ausdrücken, wie es Gernot Kamecke in der "Voice of Germany" getan hat:
"So schwierig die wirtschaftliche Lage in Argentinien auch sein mag - nach Jahren staatlicher Repression erwacht hier eine politische Offenheit, die erstmals auch die Aufarbeitung der eigenen Geschichte möglich macht" - das ist die Unterüberschrift eines Artikels von "Voice of Germany"
Hier wird in wenigen Absätzen sehr profund und klug der Bogen von den Vorurteilen des Argentinen-Reise-Interessierten über die wirtschaftlichen Grobzusammenhänge bis zu den politischen Strategie-Chancen der neuen Regierung unter Kirchner geschlagen. Siehe:
http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/265118.html

persönlichen Eindrücke kurz vor der Jahreswende 2002/2003

Zurück aus Buenos Aires, von Milongas, Menschen und Banken.
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In Buenos Aires wird nach wie vor getanzt! - Auf den ersten Blick hat sich nicht gar soviel geaendert: man sieht dieselben Gesichter, wie immer.

Aber die Krise ist unvergleichlich groesser als im alten Europa, hier haben die Politiker so systematisch das Land ausgeraubt, dass sich sehr sichtlich die Not weiter ausbreitet.

Fuer die Tangotaenzer hier(traditionell eher aus der mittleren/unteren Mittelschicht) ist das: "fatal". eines der in letzter Zeit hier am haeufigsten Wörter.

Und trotzdem gehen die Menschen aus, geben Ihr noch verfuegbares Geld in den Milongas aus: denn die Milonga ist eben auch DER soziale Ort, an dem wir uns treffen, unter uns sind. Es entstehen sogar neue Milongas - und mit dem Beginn des Sommers, den wir im Dezember wieder miterlebt haben, werden auch die Freiluft-Milongas wieder populär. Und auch die Stadtviertel-Milongas, die von älterem Publikum frequentiert werden, werden weierhin fleissig besucht.

Die Tanz-Tradition setzt sich fort, und weiter wird das Wissen weitergegeben - und auch die jungen Star-taenzer(-innen) tanzen weiter an den Abenden in der traditionellen engen Haltung mit den alten Milongueros. - und erweisen Ihnen Achtung.

Übermorgen wird der erste Jahrestag des 20.Dez. sein: als der Präsident F. de la Rua durch massive Demonstrationen zum Rücktritt bewegt worden ist und an dem sowohl in Demonstrationen als auch in Plünderungen zahlreiche Menschen ums Leben gekommen sind - und es werden wieder gewaltsame Auseinandersetzungen erwartet.

Was man in Buenos Aires Ende Nov. und Anfang Dez. sah?: Sehr häufig Demonstrationen mit reger Beteiligung - und Banken deren Nobelfassaden eine Stahlverkleidung mindestens im Erdgeschoßbereich bekamen. - Zum Schutz während der Demonstrationen: und zugleich als riesiger Resonanzboden für die Lateinamerikanische Variante der Protestkundgebung - dem cacerolazo (Lautstarkes auf den Kochtopf schlagen um zu protestieren). Denn hier macht
man seinen Protest traditionell mit geklapper auf die Blech-Kochtöpfe Luft und eine Vorgezogene Stahlfassade klingt noch lauter: Das finden die Menschen, deren Ersparnisse quasi-requiriert worden sind, zumindest akustischen Widerhall.

Und zugleich hatten WIR eine wunderschöne Zeit in Buenos Aires - das Leben geht auch für die Portenuos weiter und auch wenn man immer wieder Bestätigung für die These bekommt, dass Berlin die zweitgrößte Tango-Stadt der Welt sei: Nach wie vor ist ein Vergleich illegitim, denn es gibt Buenos Aires und dann lange lange lange nichts und dann erst andere Städte.

 
Linkseiten zu Argentiniens
 
Hintergrund-Info über Argentinien: www.spiegel.de/jahrbuch
/0,1518,ARG,00.html
"Justicialisten" (so nennt sich die Nachfolgepartei der Strömung um Peron) und "Radikale Bürgerunion" (das ist der andere große Parteienblock) - wie soll man sich da auskennen und was ist eigentlich passiert im Zusammenhang mit der argentinischen Krise?
Einen Überblick bis zum August 2002 gibt das dtv-Jahrbuch 2003, dessen Argentinien-Teil sich bei spiegel-online unter diesem link findet

Hunger in Argentinien: www.heise.de/tp/deutsch/
inhalt/co/13752/1.html

In den Provinzen von Argentinien herrscht ganz ernsthafter Hunger - auch in den einheimischen Medien ist das ein beherrschendes Thema. - Täglich wird von verhungerten Kindern berichtet - allerdings nicht mehr bei uns, denn die Situation dort hat für uns Ihren Nachrichtenwert verloren, seitdem sich Argentinien in die Situation anderer Länder eingereiht hat.
Ein wenige Wochen alter Artikel der einen etwas subjektiven Einblick über die Situation und den Zusammenhang mit Korruption gibt findet Ihr auf dieser Seite von heises newsboard

Sammlung thematischer internet-links über Argentinien http://lanic.utexas.edu/la/argentina/ Sehr umfangreiche thematisch geordnete linksammlung (englischsprachig)

Rückblick auf die Ereignisse Anfang 2002:

1) politisch:

 

monde-diplomatique.de/pm/2002
/02/15.mondeText.artikel,
a0063.idx,18
Regierungsumsturz zum Jahreswechsel 2001/2002, was ist da passiert: Zu jenen Ereignissen, als ca. 30 Menschen bei Demonstrationen und Plünderungen ums Leben kamen hatte Argentinien höheren Nachrichtenwert. Allerdings war die Abfolge von mehreren Präsidenten in wenigen Tagen auch eine historisch einmalige Situation, die ein Schlaglicht auf den mangelnden Konsens über die zur Auswahl stehenden Politischen Vertreter wirft. Einen umfangreichen Hintergrundartikel aus dem vergangnenen Frühjaht bietet La monde politique in seiner deutschen Version
2) wirtschaftlich mondediplomatique.de/pm/
2002/02/15.mondeText.artikel,
a0067.idx,17
Tour d`horizon über die wirtschaftliche Geschichte bis Feb 02 - das pendant zu dem obigen Artikel mit einem Fokus auf die wirtschaftlichen Aspekte aus der selben Quelle
3) währungs/finanz-technisch
mondediplomatique.de/pm
/2002/02/15.mondeText.
artikel,a0075.idx,19
Ein Artikel mit einer Diskussion der Dollarparität (bis Anfang 2002) und Ihrer Aufhebung
ARGENTINA ONLINE NOTICIAS http://www.argentina-online.de sehr interessante Artikel und Berichte(deutsch).
Geschichtsperioden Argentiniens (spanisch) http://www.historiadelpais.com.ar/ Genauer Ausführung zu jedem Kalenderjahr mit mehrern Verlinkungen um sich über wichtige Ereingisse und Personen der Geschichte zu informieren.
Perspektiven für 2003 www.welt.de/data/2002/12/23
/27477.html
Ende 2002: Jahrestag der gewaltsamen Ausschreitungen relativ friedlich vergangen; Politische Perspektiven für die Wahl im März 2003: Hildegard Strausberg stellt in der "Welt" die These auf, dass Menem (nachdem er in den 90ern 10 Jahre lang das Land ausgebeutet hat) im Jahr 2003 die Wahl wieder gewinnen könnte:
jüngste Wirtschaftsperspektiven www.welt.de/data/2002/12
/23/27436.html
Ende 2002: Blick auf die momentane wirtschaftliche Entwicklung (mit dem hoffnungsfrohen Titel: "Jahrhundertkrise in Argentinien hat ihren Tiefpunkt erreicht"
Buchbesprechung über Wirtschaftsgeschichte http://www.welt.de/data/
2003/05/31/104715.html
Besprechungen des Wirtschaftshistorischen Werkes von Mauricio Rojas in der Welt (siehe unten)
Neuere Argentinien-publikationen http://www.nzz.ch/2003/05/
31/pl/page-article8UIB5.html
Besprechochen werden:
Klaus Bodemer, Andrea Pagni u. a. (Hrsg.): Argentinien heute. Politik. Wirtschaft. Kultur. Vervuert, Frankfurt a. M. 2003. 746 S., Fr. 62.20, Euro 38.-.
Peter Birle, Sandra Carreras u. a. (Hrsg.): Argentinien nach zehn Jahren Menem. Wandel und Kontinuität. Vervuert, Frankfurt a. M. 2002. 374 S., Fr. 57.80, Euro 36.-.
 
Literatur und Bücher
 
Wirtschaftsgeschichtlich

The Sorrows of Carmencita - Argentina's crisis in a historical perspective von: Mauricio Rojas

Auch download als pdf-file möglich(!)

Analyse der historischen Wirtschastsbedingungen - interessant finde ich insbesondere den soziologischen Blickwinkel - eine der Grundthesen: Ende des 20Jh war Argentinien schon lange wieder Reif für die nächste Militärjunta, wenn sich diese in den 70er Jahren mit ihren umfangreichen Menschenrechtsverletzungen nicht so maßlos diskreditiert hätten.